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Lieferkooperative Combrifol

Frische Brise von der Grenze –

Die neue Cortadora-Lieferkooperative in Nahuaterique

Im Jahr 2015 erhalten wir 1 Container von Combrifol als Beimischung für Cafe Cortadora. Er kommt aus der honduranischen Grenzregion Nahuaterique.

Das „Niemandsland“ Nahuaterique zwischen Honduras und El Salvador

Mit ca. 7.500 EinwohnerInnen ist Nahuaterique der größte der so genannten „Bolsones“ (Enklaven) an der Nordgrenze des salvadorianischen Departements Morazan mit einer Gesamtfläche von über 160 km2. Von dieser wurde im Jahr 1992 nach jahrzehntelangen Grenzstreitigkeiten zwischen beiden Ländern per Entscheid des internationalen Gerichtshofes in Den Haag 80% dem honduranischen Staatsterritorium zugeschlagen – wie sich herausstellte, zum Leidwesen der ansässigen Bevölkerung.

Zuvor war der Bolson in der Kordillere von Nahuaterique eine Hochburg des ERP-Flügels der FMLN-Guerilla im Norden des Departements Morazan. Bekannt wurde die Region auch durch das Massaker am Grenzfluss Rio Sumpul, bei dem ca. 600 Bürgerkriegsflüchtlinge von salvadorianischen und honduranischen Armeeeinheiten von beiden Seiten des Ufers zusammen- und erschossen wurden.

Die Bevölkerung in der 1.500 hohen Bergregion lebt von kleinbäuerlicher Landwirtschaft, von der Tagelöhnerarbeit in Forstunternehmen in der früher waldreichen und schwer kontrollierbaren Region, sowie vom kleinen Grenzhandel. Der Markt im salvadorianischen San Miguel ist besser erreichbar als nächste vergleichbare Städte in Honduras. Täglich verkehren zwei Busse zwischen San Miguel über Nahuaterique nach Marcala.

Der Gerichtsentscheid von Den Haag führte zu weitreichenden Veränderungen in der Region: Plötzlich war ein andere Staat für die Region zuständig, der die Bolsones an die benachbarten honduranischen Landkreisen Santa Elena und Yarula anschloss. Ein Armeeoberst mit guten Kontakten zu Forstunternehmen installierte sich als Regierungskommissar und die Armee verlegte Einheiten in die Region. Mit den neuen honduranischen Lehrern an der örtlichen Grundschule änderten sich die Lehrinhalte völlig: Über die salvadorianische Gesellschaft und die besondere Geschichte der Grenzregion erfuhren die Kinder dann nichts mehr.

Die Gesundheitsversorgung ist wie die Wasser- und Stromanschlüsse unzureichend, da sich der honduranische Staat bislang nicht darum gekümmert hat.

Von Beginn an stellte die Bevölkerung zwei Hauptforderungen an den neuen Staat: 1) Erteilung der doppelten Staatsangehörigkeit und 2) Anerkennung als eigenständigen neuen Landkreis in Honduras.

Beide Forderungen sind bis heute nicht erfüllt. Lediglich nach 1992 geborene Kinder erhalten ausschließlich die honduranische Staatsangehörigkeit. Kleine Erleichterungen gab es dadurch, dass die Bevölkerung ihre Autos weiterhin in El Salvador registrieren können und Bewohner mit salvadorianischem Ausweis nicht daran gehindert werden, sich an den Wahlen in El Salvador zu beteiligen. FMLN und ARENA firmieren in Nahuaterique inzwischen als lokale neuen Vereinigungen, die sich jedoch bislang nicht an den honduranischen Kommunalwahlen beteiligen können.

Einen offiziellen Grenzübergang gibt es zwischen Perquin im Norden des Departements Morazan und Nahuaterique bis heute nicht. Jedoch werden die Grenzkontrollen inzwischen ziemlich locker gehandhabt: eintägige Ausflüge auf die andere Grenzseite werden geduldet und auch Ausländer können in beide Richtungen reisen, wenn sie sich anschließend bei den jeweiligen Migrationsbehörde melden.

Außerdem wurde mit EU-Geldern ein umfassendes binationales Entwicklungsprogramm der Grenzregion aufgesetzt, was unter anderem für den Erhalt der Wege in der Region und den Aufbau von lokal geführten Tourismusunternehmen gesorgt hat.

Ausgeschlossen von verfassungsmäßig garantierten Zuwendungen aus dem honduranischen Staatshaushalt an die Landkreise und den Agrarbereich, immer noch ohne Erfüllung der ursprünglichen Forderungen sowie nach vergeblichen Petitionen an beide Staaten und die EU und unzähligen Delegationen in die jeweiligen Hauptstädte entscheiden sich die BewohnerInnen Nahuateriques nach 17 Jahren zu einem mutigen Schritt: Aus eigener Kraft werden im Mai 2009 lokale Wahlen durchgeführt. Über 80% der EinwohnerInnen beteiligen sich und wählen einen Bürgermeister und Kreisrat, der Nahuaterique zum autonomen Landkreis erklärt. Unterstützung findet dieser Schritt bei allen lokalen NGOs, bei zahlreichen benachbarten honduranischen Bauern-, Indigena- und Kirchenorganisationen sowie bei den Bürgermeistern der Nachbar-Landkreise aus El Salvador und selbst bei lokalen Vertretern der Polizei und der Migrationsbehörde. Sogar ein Gemeinderatsmitglied aus Santa Elena erklärt: „Jetzt bekämen die Bürgermeister wohl große Kopfschmerzen, weil sie die Tatsache ertragen müssen, das sie unfähig gewesen seien, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen.“

Der autonome Kreisrat erhält von der Bevölkerung den Auftrag, den neu gegründeten Landkreis, die gewählten Autoritäten und lokalen Organisationen (Patronate, Wasserräte, Schulelternverbände, Gesundheitskomitees und Forsträte) vor dem Staat zu legalisieren und die Erfüllung der Bedürfnisse der Bevölkerung wie Legalisierung von Landtiteln, Erteilung von Ausweisen, Verbesserung der Verkehrswege und Häuser, der Gesundheits- und Schulversorgung, der Sicherheitslage, der Grundversorgung für Bedürftige, Wiederaufforstung, Umweltschutz, Förderung von Sport, Tourismus, produktive Entwicklung und Beschäftigung, sowie Schulungen in honduranischen Gesetzen voran zu treiben.

Trotz Verhinderungsversuchen seitens der offiziellen Bürgermeister werden bald ernsthafte Gespräche mit der Zelaya-Regierung aufgenommen. Die kurz vor dem Abschluss stehende legale Anerkennung des Landkreises wird durch die Absetzung der Regierung Zelayas im Putsch vom 28. Juli 2009 zunichte gemacht.

Viele kleinbäuerliche und indigene Organisationen aus der Grenzregion beteiligen sich an den Protesten gegen den Staatsstreich und dem Aufbau der Widerstandsfront. Die neuen Autoritäten Nahuateriques befinden sich in der schwierigen Situation, abzuwarten zu müssen, bis der honduranische Staat als legitimer Ansprechpartner für deren Forderungen wieder hergestellt ist.

Die neue von der FMLN getragenen Regierung El Salvadors ist überfordert, auf den Staatsstreich im Nachbarland angemessen zu reagieren, da die alten Kräfte um ARENA, Armee und salvadorianischer Oligarchie mit den neuen Machthabern in Honduras sympathisieren und auch damit drohen, in El Salvador ähnlich vorzugehen, sollte die neue Regierung El Salvadors einen Linkskurs einschlagen. Auch die ökonomische Bedeutung von Honduras als Abnehmerland salvadorianischer Waren und mit dem Zugang zum Karibik-Export-Hafen Puerto Cortes beeinflusst die Haltung der neuen Regierung in El Salvador.

Nach vielen Monaten zäher Vermittlungsbemühungen der internationalen Gemeinschaft in der honduranischen Staatskrise und wenigen Versöhnungserfolgen der aus dem Putsch hervorgegangenen Folgeregierung von der Nationalen Partei kommt es in Nahuaterique im November 2010 zu einem denkwürdigen Treffen zwischen dem de facto Außenminister von Honduras und seinem FMLN-Amtskollegen aus El Salvador. Das Treffen wird auch zum Anlass genommen, nach 18 Jahren Warterei mit der Ausgabe von honduranischen Ausweisen an die ortsansässige Bevölkerung zu beginnen. Die Anerkennung des Landkreises und die doppelte Staatsangehörigkeit sind jedoch kein Thema.

Kaffeeproduktion in Nahuaterique und die Kooperative COMBRIFOL

Mit einer Höhe um 1.500 Metern, ausgestattet mit den fruchtbaren Böden der salvadorianischen Vulkanausläufer, verfügen die Berge Nahuateriques über ausgezeichnete Anbaubedingungen für Kaffee. Durch den Bürgerkrieg wurden die Pflanzungen vernachlässigt, einerseits vereinfachte dies die Umstellung auf organisch kontrollierten Anbau, weil über ein Jahrzehnt keine Agrargifte mehr eingesetzt wurden, anderseits führte die Verwilderung der Pflanzungen aber auch zu Ertragsrückgängen.

Seit Beginn der 90er Jahre versuchten sich die Bauern aus Nahuaterique in Kooperativen zu organisieren. Mit dem Anschluss an Honduras wurde Nahuaterique der bedeutenden honduranischen Kaffeeregion Marcala-Montecillos angegliedert und es begannen Besuche und Beratungen von Kaffeeorganisationen aus Marcala.

Ab 1997 kam ein Programm von Produktionskleinkrediten der katholischen Kirchengemeinde von Marcala nach Nahuaterique. Im Jahr 2000 schlossen sich die ersten Bauern aus dem Bolson der „gemischten Kooperative Brise von der Grenze“ (COMBRIFOL - Cooperativa Mixta Brisas de La Frontera) aus Marcala an, die aus dem kirchlichen Kreditprogramm heraus entstand und im Jahre 2004 als Rechtform anerkannt wurde.

In ihrem Selbstverständnis betont COMBRIFOL ihren besonderen Ursprung: „Die Kooperative entstand aus einer systematischen pastoralen Sozialarbeit der Kirchengemeinde von Marcala in den 90er Jahren. Diese Arbeit startete nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs in Zentralamerika, insbesondere in Guatemala, El Salvador und Nicaragua. Für Honduras als Pufferland hatte dies Flüchtlinge zur Konsequenz wie auch eine starke Repression, insbesondere in dem Gebiet der Kirchengemeinde an der Grenze zur Schwesterrepublik El Salvador. Die Organisierung auf Gemeindeebene war das wichtigste Ziel, um der sich verschärfenden chaotischen Armut als Konsequenz des zuvor erwähnten Phänomens Herr zu werden. Männer, Frauen und Jugendliche verbinden sich in Basisgruppen und anschließend einer Dachorganisation in jedem Sektor.“

COMBRIFOL besteht aus vier Filialen (Dachorganisationen) in den Landkreisen Marcala, Santa Elena, Yarula und – eben auch dem autonomen – Nahuaterique. Dies war sicherlich wichtig für die Entscheidung der BäuerInnen aus Nahuaterique, sich COMBRIFOL anzuschließen und keiner anderen Organisation, in denen nur individuelle Mitgliedschaften möglich sind.

COMBRIFOL ist - wie in seinem Namen zu lesen - eine gemischte Kooperative. Die Mitglieder produzieren Honig, Kaffee, Gemüse, Obst, Mais und Bohnen vor allem für den Eigenbedarf, haben zum Teil Fischteiche (Tilapia) und Vieh. COMBRIFOL ist die juristische Person und unterhält ein Büro in Marcala, wo auch der Geschäftsführer seinen Schreibtisch hat und es auch ein kleines Kaffeelager gibt. Insgesamt besteht COMBRIFOL heute aus ca. 40 Basisgruppen, mit jeweils acht bis 15 Mitgliedern.

Zwischen 2006 und 2009 erhielt COMBRIFOL Schulungen in Bioanbau, Zertifizierung, Vermarktung und Diversifizierung über das Bündnis ALIANZA ECOCAFEH innerhalb der Vereinigung der Honduranischen Kaffeeproduzentinnen AHPROCAFE in Kooperation mit einer Bioberatungsorganisation aus Costa Rica und einer Fachkraft des Evangelischen Entwicklungsdienstes. Zwar zerbrach dieses Bündnis an den Folgen des Staatsstreiches in Honduras, doch COMBRIFOL konnte gemeinsam mit anderen befreundeten Kaffeeorganisationen aus Marcala die gemachten Erfahrungen nutzen, um in den Bereichen Ertrags- und Qualitätsverbesserung, Biozertifizierung und Direktvermarktung voranzukommen: Seit drei Jahren verfügt COMBRIFOL über das für den US- und EU-Markt gültige Biosiegel von Mayacert. Zwischen 2008 und 2010 konnte Bio-Kaffee über befreundete Organisationen in Marcala vermarktet werden. Im Februar 2010 erhielt die Filiale in Nahuaterique Besuch von der El Salvador Kaffeekampagne; daraus entstand zu 2011 zum ersten Mal ein direkter Handelsvertrag mit der MITKA, über einen Container Kaffee aus Nahuaterique.

Von den über 700 auf 4 Landkreise verteilten Mitglieder bauen ca. 200 Kaffee an. In Nahuaterique sind 24 KaffeebäuerInnen (19 Männer und 5 Frauen) biozertifiziert. Sie bewirtschaften zwischen 1 und 4 Hektar. Auf insgesamt 45,80 Hektar können bis zu 3 Container geerntet werden. Präsident der Kooperativenfiliale Nahuaterique ist der Biokaffeebauer und Imker Atilio Romero, ein ehemaliger Guerillero und jetzt Musiker in der Dorfkapelle.

Kaffeequalität

 

Viele KaffeebäuerInnen von COMBRIFOL und auch aus Nahuaterique sind in der geschützten Herkunftsregion für Marcala-Kaffee registriert, einer seit mehr als fünf Jahren erfolgreich wirkende Instanz zur Kontrolle der kompletten agrarindustriellen Kette des Kaffees aus der Region. Ihre Aufgaben besteht in dem Schutz, der Promotion und der Vermarktung des Namens sowie in der Kontrolle und Anwendung von internen Normen, um dem Handel ein qualitativ hochwertiges und differenziertes Produkt zu garantieren.

Von der Aufsichtsinstanz registrierte und anerkannte ErzeugerInnen sind verpflichtet, repräsentative Proben ihrer zu exportierenden Chargen bei einem unabhängigen Gremium von Qualitätstestern (Q Graders)prüfen zu lassen, ob  der Kaffee die Anforderungen des angewandten Regelwerks der Aufsichtsinstanz erfüllt und dem definierten Tassenprofil der geschützten Region entspricht.

Der Marcala-Kaffee ist geprägt von einem betonten Säuregehalt und einem besondern fruchtigen Nachgeschmack von Orange. Ausschließlich Kaffee, der frei von jeglichen Mängeln und Verunreinigungen ist sowie eine Wertung von mindestens 80 Punkten auf der Skala der SCAA erreicht, erhält die Anerkennung der geschützten Herkunftsbezeichnung.

 

Beim Cupping-Wettbewerb während des Marcala-Kaffee-Festivals im März 2010, das jährlich stattfindet, wurde der Kaffee von COMBRIFOL von unter 100 Mustern (vor allem von privaten mittelständischen Kaffeepflanzungen) als 8. Bester ausgezeichnet: ein Beweis für die homogene hervorragende Qualität der Mischung von Kleinstmengen der verschiedenen Kooperativenmitglieder.

 

Der Kaffee aus Nahuaterique ist wirklich etwas Besonderes: Zum einen knüpft er an die Traditionen der bäuerlichen Basis der FMLN-Guerilla in der Entstehungsphase des Cortadora-Kaffees an. Zum anderen kommt er aus einer der besten Kaffeeanbauregionen Mittelamerikas, die sich sogar von Guatemala, Costa Rica oder Kolumbien durch seine einzigartige Qualität abhebt. Außerdem stellt er durch die besondere Geschichte der Bolsones ein nationenübergreifendes Unikum dar. Der solidarische Handelsvertrag mit der MITKA zwecks Beimischung im Cortadora ist eine Chance für die El Salvador Kaffeekampagne, den Kampf um Autonomie der Bevölkerung Nahuateriques zu unterstützen.

 

Gerrit Höllmann, Fachkraft des Evangelischen Entwicklungsdienstes in Honduras von 2005 bis 2010

Weitere Infos zur Kaffeeregion Marcala: www.guancasco-import.de

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Aktualisiert (Donnerstag, den 12. März 2015 um 08:16 Uhr)